UR-DOM-WISSEN – KUNSTWERK DES QUARTALS
Der Neidhartgrab-Baldachin
BEITRAG VON MMAG. FRANZ ZEHETNER
Das Neidhartgrab an der Südfassade des Domes, in der Nische zwischen der Eligiuskapelle und dem Vorbau des Singertores, gehört zu den besonders interessanten und rätselhaften Denkmälern des Domes. Ich möchte aber nicht auf das eigentliche Grabmal des (angeblich) dort bestatteten Minnesängers und Autors des „Veilchenschwankes“ eingehen, sondern auf die Architektur des Baldachins darüber.
Das Grabmal wurde um 1360 errichtet, also gleichzeitig mit dem Fürstenportal des Singertores, und stand mit diesem in direktem Bezug, denn der Portalvorbau, den wir heute kennen, wurde erst im 15. Jahrhundert gebaut.
Die zierliche Architektur wird von zwei Säulen und an der Langhauswand von mehreren Konsolen getragen. Zwei davon sind besonders schön und fantasievoll ausgeführt: Der Ansatz der Konsolen wird jeweils von einem Gesicht gebildet, darüber schließen sich Blätter an, die sich zum Gewölbeansatz weiten. Vor allem das rechte Gesicht verschwindet fast in den Blättern und verschmilzt mit ihnen. Die Kombination von menschlichen Gesichtern mit floralen Formen ist häufig auch im Inneren des Domes und allgemein in gotischen Bauten zu finden.
Ein drittes bemerkenswertes Detail ist der Kopf eines Fuchses, der die Firstkappen des Daches abschließt: Er weist auf den Beinamen des Minnesängers hin, eben Neidhardt Fuchs.
Bei der letzten Restaurierung des Grabmales wurden an der Wand des Domes – geschützt vom Dach des Baldachins – Reste mittelalterlicher Wandbemalung entdeckt. Diese ockerfarbene Bemalung mit Fugenstrich, die nicht mit den eigentlichen Mauerfugen übereinstimmt, sondern größere Blöcke vortäuscht, hat im Mittelalter wohl den ganzen Dom überzogen und hat damit die Steine geschützt, sie ist bis auf diese kleine Fläche aber im Lauf der Jahrhunderte verwittert oder wurde im 19. Jahrhundert bewusst entfernt. Hier können wir noch eine Musterfläche sehen, wie die Mauern des Doms im Spätmittelalter wohl ausgesehen haben.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Restaurierungen und Erneuerungen ist hier ein historisch und ästhetisch höchst interessantes Kunstwerk zu erleben.