FORSCHUNGEN AM RIESENTOR – Ein Portal erzählt Geschichte – neue Forschungen am Riesentor
Drei Jahrzehnte nach der umfassenden Restaurierung des Riesentors am Wiener Stephansdom wird das bedeutende romanische Portal erneut wissenschaftlich untersucht. Im Mittelpunkt stehen der aktuelle Zustand des Natursteins und der erhaltenen Fassungsreste sowie die Frage, wie wirksam die in den 1990er-Jahren gesetzten Restaurierungsmaßnahmen bis heute sind. Die Ergebnisse sollen Grundlage für langfristige Strategien zur Erhaltung des einzigartigen Portals sein.
Das rund 800 Jahre alte Riesentor ist in besonderer Weise überliefert: An zahlreichen Stellen haben sich mittelalterliche Bearbeitungsspuren der Steinoberflächen erhalten, ebenso Reste der ursprünglich farbigen Fassung. Solche Befunde sind an anderen Bereichen des Stephansdoms durch Verwitterung, Umbauten oder frühere abrasive Bearbeitungsmethoden vielfach verloren gegangen.
Das Riesentor besteht aus Kalksandstein, genauer gesagt aus Kalkarenit, einem porösen Sedimentgestein. Insgesamt lassen sich am Portal acht verschiedene Gesteinsvarietäten unterscheiden. Der überwiegende Teil des Bestandes besteht aus dem Gestein Badenium Wien Süd, einem bereits in der Antike verwendeten Naturstein. Weitere Gesteinsvarietäten kamen im Zuge späterer Ausbesserungs- und Reparaturphasen hinzu.
EIN PORTAL MIT WECHSELVOLLER GESCHICHTE
Bereits rund 100 Jahre nach seiner Errichtung wurde das romanische Westportal um 1420 umfassend verändert. In dieser Phase entstanden das gotische Westfenster und eine Absenkung des Portalvorbaus um zwei Steinquaderlagen. Auch einzelne formale Details wurden verändert; die Außenfassade erhielt einen hellen Verputz. Im Inneren des Trichters kam es ebenfalls zu kleineren Anpassungen. Vermutlich wurden damals die Oberflächen vollständig neu gefasst und farbig gestaltet.
Eine weitere, kleinere stilistische Veränderung erfolgte um 1500 in der Spätgotik. Danach wurde das Portal nicht mehr grundlegend stilistisch verändert. Bei späteren Reparaturen orientierte man sich am vorhandenen Bestand und ersetzte beschädigte Teile entsprechend. Diese Kontinuität ist ein wesentlicher Grund dafür, dass bis heute zahlreiche mittelalterliche Oberflächen erhalten geblieben sind.
Bereits um 1850 wurden die damals noch großflächig erhaltenen Farbfassungen des Portals untersucht und dokumentiert. Im 19. und 20. Jahrhundert führte jedoch das Ideal der sogenannten „Steinsichtigkeit“ zu einer weitgehenden Entfernung der historischen Farbschichten. Heute sind sie deshalb nur noch in Resten vorhanden.
DIE RESTAURIERUNG DER 1990ER-JAHRE
Zwischen 1995 und 1997 wurde der romanische Portalvorbau umfassend konservatorisch und restauratorisch behandelt. Die Oberflächen wurden gereinigt, schädigende Gipskrusten entfernt oder ausgedünnt, Salze reduziert und stark geschädigtes Gesteinsgefüge gefestigt.
Dabei kamen überraschend zahlreiche Reste historischer Farbfassungen unter den Verschmutzungen und Gipskrusten zum Vorschein. Sie wurden umfassend untersucht, dokumentiert und konserviert. Die Untersuchungen bestätigten, dass das Portal bis in die Barockzeit hinein immer wieder unterschiedlich farbig gestaltet worden war.
Der Befund entspricht dem, was auch von zahlreichen anderen Bauwerken dieser Epoche bekannt ist – beim Riesentor sind diese Spuren jedoch noch unmittelbar am Originalbestand nachvollziehbar.
Besonders eindrucksvoll sind die Befunde an der figuralen Ausstattung. So konnten etwa an der Darstellung Christi in der Mandorla mehrere historische Farbschichten festgestellt werden: eine romanische Fassung mit dunkler Untermalung und Lapislazuli, darüber eine gotische Farbfassung mit grobem Azurit und schließlich eine barocke Schicht mit Smalte.
Bei der Reinigung wurde deshalb besonders vorsichtig vorgegangen. Bereiche mit erhaltenen Fassungsresten wurden gefestigt und vorhandene Krusten lediglich schonend ausgedünnt. In anderen Bereichen mussten Krusten aufgrund ihres Schädigungspotenzials weitgehend entfernt werden. Auch die Lasertechnologie kam am Riesentor erstmals in Österreich im Bereich der Steinkonservierung zum Einsatz.
Der behutsame Umgang mit dem Bestand trug dazu bei, dass bis heute wertvolle historische Oberflächen erhalten sind, insbesondere an Teilen des Kämpferfrieses. Gleichzeitig zeigt sich inzwischen eine Nebenwirkung dieser Vorgehensweise: Durch die unterschiedliche Alterung der Oberflächen und der damals eingesetzten Konservierungsmaterialien ist das Erscheinungsbild heute teilweise inhomogen. Es sind deutlich hellere, aber auch sehr dunkle Oberflächenbereiche erkennbar.
DACHKONSTRUKTION DER 1990ER
Ein weiterer Schwerpunkt der Restaurierung lag auf dem Schutz besonders gefährdeter Bereiche vor eindringender Feuchtigkeit. Über zuvor ungeschützten Teilen des Portals wurde eine Schutzdachkonstruktion errichtet. Sie bewahrt den Naturstein bis heute vor Niederschlagswasser und ist damit ein wesentlicher Bestandteil des Erhaltungskonzepts, denn Feuchtigkeit zählt zu den wichtigsten Schadensursachen historischer Bausubstanz.
Bereits rund zehn Jahre nach Abschluss der Restaurierung wurden die Oberflächen nachgereinigt und der Zustand des Portals punktuell überprüft. Dabei zeigte sich, dass sich einzelne Schutzmaßnahmen nachgebessert werden sollten. Auf dieser Grundlage begann 2024 die Planung einer neuerlichen umfassenden Zustandserhebung und Evaluierung durch das Bundesdenkmalamt, die Dombauhütte und beauftragte Fachrestauratorinnen.
NEUE UNTERSUCHUNGEN SEIT DEM JAHR 2025
Die 2025 begonnene Evaluierung zeigt, dass sich das Portal und seine Oberflächen in weiten Teilen in einem sicheren und nicht akut bestandsgefährdeten Zustand befinden. Gleichzeitig wurden Bereiche identifiziert, in denen dringender Handlungsbedarf besteht, um den Bestand langfristig zu sichern.
Ein Forschungsschwerpunkt des Bundesdenkmalamtes liegt auf der Evaluierung jener Materialien und Methoden, die vor rund 30 Jahren eingesetzt wurden. Die Untersuchungen wurden im Mai 2026 fortgesetzt. Ergänzend wurden Testflächen angelegt, an denen mögliche konservatorische und restauratorische Maßnahmen erprobt werden.
Ziel ist es, die vor rund 30 Jahren gesetzten Erhaltungsmaßnahmen wissenschaftlich fundiert weiterzuentwickeln und ein langfristiges Wartungs- und Monitoringkonzept für das Riesentor zu erarbeiten.
Auch die Reinigungstechniken der Steinkonservierung haben sich seit den 1990er-Jahren weiterentwickelt. Auf den Testflächen wird daher untersucht, inwieweit sich die damals bewusst unterschiedlich belassenen Reinigungszustände heute behutsam einander annähern lassen. Angestrebt wird ein ruhigeres und hinsichtlich des weiteren Alterungsverhaltens möglichst einheitliches Erscheinungsbild – ohne dabei die historischen Fassungsreste oder das historisch gewachsene Erscheinungsbild zu gefährden.
MASSNAHMEN GEGEN AUFSTEIGENDE FEUCHTIGKEIT
Parallel zu den wissenschaftlichen Untersuchungen haben bereits erste dringend notwendige konservatorische Maßnahmen begonnen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Reduktion aufsteigender Feuchtigkeit im Sockelbereich des Portals.
Die aufsteigende Feuchtigkeit mobilisiert vorhandene Salze im porösen Baumaterial. Durch Kristallisations- und Hydratationsprozesse können diese Salze erhebliche Schäden verursachen und sowohl die originale Gesteinssubstanz als auch ältere Ergänzungen in der Sockelzone beeinträchtigen. Um diesen Prozess zu verlangsamen, soll künftig eine zusätzliche Verdunstungszone unterhalb des Werksteinsockels geschaffen werden.
Dafür werden bereits geschädigte beziehungsweise zu dichte Ergänzungs- und Fugenmörtel entfernt. Anschließend werden mineralische Kompressen eingesetzt, um oberflächennahe Schadsalze zu reduzieren. Fehlstellen werden danach mit neuen Kunststeinergänzungen geschlossen und die Fugen mit geeigneten Mörteln erneuert.
Die Maßnahme soll eine gut austrocknungsfähige Wartungszone schaffen, die bei Bedarf erneut behandelt werden kann. Feuchtigkeit und darin gelöste Salze sollen kontrolliert im unteren Portalbereich austreten können, anstatt weitere Schäden in höher gelegenen Bereichen zu verursachen. Dies ist besonders wichtig, da die aufsteigende Feuchtigkeit teilweise über die massiven Grundfesten der Domkirche in den Portalbereich eingetragen wird.
SCHUTZ DES ORNAMENTALEN GESIMSES
Ein weiterer Schwerpunkt ist das ornamentale Gesims der Portalfassade, das der Witterung besonders stark ausgesetzt ist. Die aktuellen Untersuchungen haben diesen Bereich erneut als Schwachstelle identifiziert.
Zum Schutz der historischen Steinoberflächen ist daher, nach Festigung der geschädigten Gesteinssubstanz, eine Abdeckung des Gesimses vorgesehen. Sie soll – ähnlich den bestehenden Bleiverblechungen der Ecknischen mit den romanischen Löwen – den direkten Einfluss von Niederschlagswasser reduzieren.
Die neuerlichen Untersuchungen am Riesentor verbinden historische Bauforschung, moderne Konservierung und kontinuierliche Bestandspflege. Ihr Ziel ist nicht nur die Behebung aktueller Schäden, sondern vor allem die langfristige Bewahrung der wertvollen mittelalterlichen Oberflächen und der noch erhaltenen Spuren der farbigen Gestaltung.
Das Riesentor erzählt mit seinen Steinen, Farbresten und Bearbeitungsspuren von Jahrhunderten der Bau-, Kunst- und Restaurierungsgeschichte. Die aktuellen Untersuchungen sollen dazu beitragen, dass diese Zeugnisse auch für kommende Generationen erhalten und lesbar bleiben.
Projektpartner und Mitwirkende: Dombau Wien, Abteilung für Konservierung und Restaurierung Bundesdenkmalamt, Naturwissenschaftliches Labor Bundesdenkmalamt, Landeskonservatorat Wien Bundesdenkmalamt, Institut für Konservierung und Restaurierung der Univ. f. angewandte Kunst Wien, Restauratorinnen: Mag. Anna-Maria Tupy, Mag. Susanne Leiner, Dr. Katharina Fuchs