Der Stephansdom und ausgewählte Kathedralen der Île-de-France: Veränderungen im Kircheninneren ab dem 17. Jahrhundert
Wer heute in den Stephansdom tritt, glaubt, eine gotische Kathedrale zu betreten. Und doch ist es nicht das Mittelalter, das unseren Eindruck am stärksten prägt, sondern das, was die Jahrhunderte danach hinzugefügt – und manchmal wieder weggenommen – haben. Eine Spurensuche von Wien bis in die großen Kathedralen rund um Paris.
Die barocke Umgestaltung des Innenraums von St. Stephan begann kurz nachdem Philipp Friedrich Graf von Breuner sein Amt als Fürstbischof in Wien übernommen hatte. Schon 1643 wurden die Glasmalereien im Chor von St. Stephan der Zeit entsprechend durch rundes und lichtdurchlässiges Bunzenglas ersetzt. Das gotische Lichtkonzept eines gleichmäßig halbdunklen, mystischen Kircheninneren sollte durch einen lichtdurchfluteten, hellen Kirchenraum ersetzt werden, der klare Kontraste zwischen dunklen und hellen Flächen definierte.
Mehr Licht, mehr Himmel
Schon kurz davor, nämlich 1641, beauftragte Fürstbischof Breuner den Bildhauer Johann Jakob Pock aus Konstanz mit der Errichtung eines neuen, prunkvollen Hochaltars für den Hauptchor des Stephansdoms. Der neue Barockaltar wurde als sogenannter „Porta Coeli-Altar“ ausgeführt und 1647 konsekriert. Daher ist der gesamte Altar als Portikus dargestellt, dessen Altarbild gleichsam den Blick auf den Himmel freigibt. Der Hochaltar ist dem heiligen Stephanus, dem ersten Märtyrer der christlichen Glaubensgeschichte, gewidmet.
Anschließend, ab 1677, entstanden neue, barocke Seitenaltäre in St. Stephan. Zunächst wurde der Peter-und-Paul-Altar, der Zunft-Altar der Steinmetze, errichtet. 1699 wurden der Frauen- und der Josephsaltar, links und rechts der Vierung platziert, hergestellt. Diese beiden Altäre besitzen umlaufende Kommunionbänke und können daher als „Speisaltäre“ bezeichnet werden. Außerdem wurden vor dem neu geschaffenen Bereich des Hochaltars zwei symmetrisch, quasi gespiegelt schräg stehende Kredenzaltäre umgesetzt. Sie sind unter der Herrschaft Kaiser Karls VI. entstanden und dem heiligen Johannes Nepomuk (1723) und dem heiligen Karl Borromäus (1728) geweiht. Der letzte im 18. Jahrhundert hergestellte Seitenaltar ist der Dreifaltigkeitsaltar in der Nähe der unteren Sakristei. Das bei diesem Altar angebrachte Bild wurde von Michael Angelo Unterberger ausgeführt. Auftraggeber waren der Bürgermeister und der Stadtrat von Wien.
Das „Theatrum Sacrum“ im Hauptschiff
Im Hauptschiff wurden die in der Barockzeit neu geschaffenen Seitenaltäre in Form eines „Theatrum sacrum“ jeweils paarweise als Pfeileraltäre angeordnet und sollten durch Betonung der Fluchtachse den Blick auf den ebenfalls neu geschaffenen Stephanus-Hochaltar richten. Dieser theatralisch barocke Aufbau kann auch heute noch im Stephansdom erlebt werden.
Bauliche Änderungen des 19. Jahrhunderts
Die nächste wichtige Phase in St. Stephan, in der bauliche Veränderungen umgesetzt wurden, war das 19. Jahrhundert. Am Außenbau wurde ab 1839 der Turmhelm des Südturms abgenommen und in den darauffolgenden Jahrzehnten insgesamt drei Mal wieder hergestellt. Die ersten zwei Neuherstellungen wurden in zeitgemäßen, vermeintlich besseren Konstruktionsarten ausgeführt. Bei der ersten Erneuerung wurden Steinelemente an eine Eisenkonstruktion herum angefügt und bei der zweiten Steindübel zur Verbindung der Werksteine mit Zement vergossen. Beide mussten allerdings schon nach einigen Jahren wieder abgetragen werden, da sich die neuen Konstruktionsarten als ungeeignet erwiesen. Erst dem langjährigen Dombaumeister Friedrich von Schmidt gelang es in den 1860er Jahren, den Turmhelm in bewährter mittelalterlicher Steintechnik wieder nachhaltig herzustellen.
Als weitere bauliche Änderungen im 19. Jahrhundert können die Herstellung von drei im Mittelalter nicht fertiggestellten Maßwerkgiebeln an der Südfassade des Langhauses genannt werden. Zusätzlich wurde vor allem im Inneren die „Steinsichtigkeit“, also das Entfernen aller Putz- und Farbschichten von beinahe allen Steinoberflächen, in dieser Zeit umgesetzt.
Im 19. Jahrhundert wurden einige Altäre, vor allem in den Seitenschiffen, entfernt oder durch andere ersetzt. So wurde zum Beispiel der Wiener-Neustädter-Altar für den Stephansdom erworben und der Leopoldsaltar neu geschaffen. Schließlich wurden auch die Fenster des Chores und des Langhauses, die in der Barockzeit als sehr lichtdurchlässige Bunzengläser eingebaut worden waren, nun als neugotische Glasmalereifenster hergestellt.
Insgesamt kam es im Vergleich zu anderen gotischen Kirchen und Kathedralen im Inneren des Stephansdoms im 19. Jahrhundert zu relativ wenigen baulichen Veränderungen. Vor allem das barocke „Theatrum sacrum“, der dramatische Fluchtaufbau durch bewusste paarweise Anordnung der Pfeileraltäre vom Riesentor bis hin zum Hochaltar, blieb erhalten.
Feuer, Trauer und Wiederaufbau
Die größte Zäsur stand erst im 20. Jahrhundert bevor. Im April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, fing der Dachstuhl von St. Stephan durch Funkenflug Feuer und brannte vollständig aus. Auch das mittelalterliche Chorgestühl, über dem das Gewölbe in Folge des Brandes zusammenbrach, wurde ein Raub der Flammen. Zusätzlich riss die größte Glocke des Domes, die Pummerin, aus ihrer Verankerung, stürzte herab und zerschellte am Kirchenboden. Glücklicherweise überstand dennoch ein großer Teil der restlichen Innenausstattung und der Altäre diese große Brandkatastrophe.
Der Wiederaufbau des Stephansdoms begann sofort nach Kriegsende. Vor allem durch zahlreiche Spenden aus der Bevölkerung und der Beteiligung aller Bundesländer konnten Brandschäden beseitigt und ein neuer Dachstuhl samt Dachdeckung mit den berühmten glasierten Ziegeln aufgesetzt werden. Mit dem Einzug der neuen Pummerin erfolgte 1952 die feierliche Wiedereröffnung des Domes.
Die Zerstörung des mittelalterlichen Chorgestühls stellt zwar einen unwiederbringbaren künstlerischen und kunstgeschichtlichen Verlust dar. Sein Fehlen im dramatischen Fluchtaufbau der paarweisen Anordnung der Pfeileraltäre fällt aber nicht sehr stark ins Gewicht.
Auch beim Fensterglas zeigte sich, wie sehr die Barockzeit den Dom bis heute prägt: Bei der Wiederherstellung in den Jahren nach dem Krieg entschied man sich für eine sehr helle, lichtdurchlässige Verglasung, die in ihrer Lichtwirkung der barocken Bunzenverglasung sehr nahekommt.
Der Blick nach Frankreich: Die Kathedralen der Île-de-France ab dem 17. Jahrhundert
Was sich in Wien abspielte, war keineswegs ein österreichischer Sonderweg. Auch in den großen Kathedralen der Île-de-France wurde ab dem 17. Jahrhundert der Innenraum tiefgreifend umgestaltet.
In Notre-Dame de Paris wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Bereich des Binnen-Chors völlig umgestaltet. Ein neuer, prachtvoller Hochaltar mit einer Pietà wurde errichtet. Die Erdgeschoßzone im Altar-Bereich wurde mit weiß-geäderten und roten Marmorplatten verkleidet. Vergoldete Bleireliefs wurden oberhalb der neu geschaffenen Rundbögen angebracht. Und schließlich zierten lebensgroße Figuren der königlichen Auftraggeber Louis XIII. und Louis XIV. und der Engel den neu gestalteten Chor. Zusätzlich wurden die Buntglasfenster der Kathedrale durch lichtdurchlässige Fenster ersetzt und die Wände weiß getüncht. Der umgestaltete Altarbereich von Notre-Dame muss im 18. Jahrhundert als ähnlich starke Veränderung wahrgenommen worden sein, wie die Neugestaltung der Altäre im Stephansdom im Sinne eines „Theatrum sacrum“ einige Jahrzehnte davor.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Architekten Eugène Viollet-le-Duc Notre-Dame allerdings allumfassend restauriert und in vielen Bereichen im Sinne der Neogotik umgestaltet. Dabei verschwanden die im 18. Jahrhundert hergestellte Marmorverkleidung im Binnenchor genauso wie die lebensgroßen Figuren der Engel. Auch Fenster wurden rückgebaut. Nur die Mensa des Hochaltars samt Pietà befinden sich bis heute im Chor der Kathedrale.
Die Neugestaltung der Fenster im Sinne der Neogotik gab Notre-Dame vermeintlich das Antlitz einer typisch gotischen Kathedrale. Die jüngsten Restaurierungsarbeiten in diesem Kirchenbau, die nach dem schrecklichen Brand 2019 notwendig wurden, und vor allem die Reinigung aller Oberflächen danach, haben vielleicht wieder ein wenig von diesem Bild genommen, da die Kathedrale nun einen großen Teil ihrer Patina verloren hat.
Der Kirchenraum als Zeugnis mehrerer Epochen
In der etwas außerhalb der Île de France gelegenen Kathedrale von Amiens wurden ähnlich wie in Notre-Dame de Paris im 18. Jahrhundert viele Glasmalerei-Fenster durch hellere, klare Scheiben ersetzt. Der Bereich des Hauptaltars wurde auch hier vollkommen neu geschaffen. Anstelle des früheren Lettners wurde ein prächtiges Chorgitter installiert. Der neue Hochaltar stellt das „Eucharistische Wunder“ dar. In einem Wirbelwind aus Wolken, umgeben von einem goldenen Lichterkranz, bildet der Heilige Geist, der als Taube dargestellt ist, das stabile Zentrum. Neben dem Hochaltar wurden lebensgroße Figuren der Jungfrau Maria und des Johannes des Täufers aufgestellt.
Künstlerisch besonders schön gestaltet ist die barock-klassizistische Kanzel im Langhaus, die 1773 hergestellt wurde. Sie wird von lebensgroßen Statuen der drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe getragen. Ihr Schalldeckel wird aus Wolken gebildet, denen der als Taube dargestellte Heilige Geist entfliegt. Krönend befindet sich darüber ein Engel, der ein offenes Evangeliar trägt und mit dem Finger zum Himmel zeigt.
Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wurden in Amiens zwei große Altäre im Querschiff geschaffen, die der Gottesmutter und dem heiligen Sebastian gewidmet sind. Zusätzlich wurden die meisten Altäre im Kapellenkranz und in den Seitenkapellen des Langhauses im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts neu errichtet. Letztlich wurde also das Gesamterscheinungsbild der Kathedrale von Amiens im Kircheninneren in dieser Zeit sehr stark durch barock-klassizistische Einbauten verändert.
Auch im 19. Jahrhundert gab es in der Kathedrale von Amiens einige bauliche Veränderungen, die allerdings die Wahrnehmung des Kirchengebäudes vor allem auch im Innenraum nur wenig beeinflussten. Daher stellt Amiens heute ein sehr schönes Beispiel für weitgehende Veränderungen der Innenräume von Kathedralen der Île de France im 17. und 18. Jahrhundert dar.
Wie in Amiens wurde auch in der Kathedrale von Chartres, deren mittelalterlicher Glasmalerei-Bestand als einer der größten und vollständigsten gilt, der Altarraum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu hergestellt. Im Binnenchor wurde dazu die gesamte Erdgeschoßzone mehrfärbig gefasst und mit vergoldeten Ranken im Sturzbereich verziert. Der gleichzeitig geschaffene Hochaltar ist der Himmelfahrt Mariens geweiht.
In den letzten Jahrzehnten wurde die Kathedrale restauriert. Neben der sorgfältigen Reinigung und Restaurierung der Glasmalerei-Fenster wurde auch der gesamte Innenraum in hellen Beige-Tönen, laut Befunden des 13. Jahrhunderts, wiederhergestellt. Wenngleich teilweise kontrovers diskutiert, ist es interessant zu sehen, wie gut die wiederhergestellte Fassung des 13. Jahrhunderts der Innenraumoberflächen mit dem Altarbereich, der erst im 18. Jahrhundert hergestellt wurde, harmoniert.
Zusammengefasst kann gesagt werden, dass unser Stephansdom seit dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert im Inneren sehr stark durch barocke Einbauten geprägt ist. Dass sich diese einerseits harmonisch in den Kirchenraum einfügen und andererseits im Hauptschiff ein „Theatrum sacrum“ mit dramatischer Ausrichtung der Fluchtachse hin zum Hochaltar bilden, ist sicherlich etwas ganz Besonderes.
Gleichzeitig wurden auch in vielen Kathedralen der Île-de-France sehr prächtige und den Gesamtkirchenraum stark verändernde barock-klassizistische Umgestaltungen der Hochaltar-Bereiche durchgeführt. In einigen dieser Kathedralen, insbesondere auch in Notre-Dame de Paris, wurden diese sehr aufwändigen Umgestaltungen im 19. Jahrhundert fast zur Gänze wieder rückgeführt, sodass sie heute kaum noch wahrgenommen werden. Aber gerade die Kathedralen von Amiens und Chartres beweisen, dass diese barock-klassizistischen Altar-Einbauten auch vielfach noch bis heute existieren und den Gesamteindruck dieser Kirchenbauten in einer sehr beeindruckenden Art und Weise prägen.
Vergleichende Literatur:
• Gruber, Reinhard H., Der Wiener Stephansdom, Porträt eines Wahrzeichens, Tyrolia-Verlag, 2., aktualisierte Auflage, 2024
• Die Kathedralen der Île de France, Manuskript im Domarchiv St. Stephan
(Beitrag von Dipl.-Ing. Stefan Mastal, Architekt)